Ein Plädoyer gegen den Perfektionierungswahn: Klaus Werles „Die Perfektionier“

(Klaus Werle: Die Perfektionierer. Warum der Optimierungswahn uns schadet – und wer wirklich davon profitiert. Campus Verlag 2010, 256 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-593-39093-2)

Wer will schon ein mittelmäßiges Leben führen? „Mainstream ist out,“ konstatiert der Journalist Klaus Werle. Und an dem Wunsch, das eigene Leben zu etwas besonderem zu machen und alle Möglichkeiten auszuschöpfen, sei auch im Grunde nichts falsch. Doch Werle zeigt in seiner kurzweilig geschriebenen, beispielreichen Studie, dass der Drang nach Verbesserung in den westlichen Demokratien längst zu einem Zwang geworden ist.

Immer mehr Menschen streben das perfekte Leben an, für sich und bereits für die eigenen Kinder – ob es um Fitness, Schönheit, Jugendlichkeit, schulische oder berufl iche Erfolge geht. In seinem Augen öff nenden Buch zeigt Klaus Werle, wer davon wirklich profi tiert: eine Industrie aus privaten Bildungsanbietern wie Nachhilfeinstituten, Privatschulen und Karriere-Coaches. Die Unternehmen, für die wir in Schule, Studium und Beruf das Letzte geben und denen wir als aktive Kunden freudig teure Serviceleistungen abnehmen. Und nicht zuletzt der Staat, der weniger für Gesundheit und Renten ausgeben muss, sowie ganze Branchen, die vom Wunsch nach dem Besonderen und ethisch Guten leben. Doch der Perfektionswahn hat bislang unbekannte prekäre Folgen für den Einzelnen, die Wirtschaft und die Gesellschaft. Klaus Werle deckt sie auf und entlarvt die perfektionistischen Denkfehler.

Insofern ein gelungenes Sachbuch – aber: Auch wenn die allermeisten Beispiele treffen und der Autor immer wieder darauf hinweist, dass seine Thesen keineswegs den Einzelnen aus der Verantwortung für sein Leben entlassen sollen, habe ich die Befürchtung, dass das Buch eben doch so verstanden werden könnte. „Die Perfektionierer“ wirft einen Blick auf eine merkwürdige, mitunter gefährliche Entwicklung in der Postmoderne (vgl. Ulrich Becks „Risikogesellschaft„) – man sollte aber nicht übersehen, dass eben diese gesellschaftliche Entwicklung auch jede Menge Chancen und Vorteile mit sich bringt.

Rezension bei „Ralfs Webjournal“

Buchbesprechung in der SZ

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